Antworten auf Hörerfragen vom 31. Juli

Liebe Hörerinnen und liebe Hörer,
herzlich willkommen zum deutschen Programm von Radio Tirana. ich wünsche Ihnen einen recht guten Empfang und zugleich ein schönes und erholsames Wochenende!
Die Londoner Botschafterkonferenz (1913) und das Schicksal Albaniens: Diskussionen und historische Beschlüsse
Im Schatten der blutigen Balkankriege und des Zusammenbruchs der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan trat im Dezember 1912 im Londoner St. James’s Palace die Botschafterkonferenz zusammen. Unter dem Vorsitz des britischen Außenministers Sir Edward Grey versuchten die Gesandten der sechs europäischen Großmächte – Großbritannien, Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland und Italien –, eine gesamteuropäische Eskalation zu verhindern und die politische Neuordnung des Balkans zu regeln.
Im Zentrum der monatelangen, zähen Verhandlungen stand dabei die sogenannte „albanische Frage“.
Was wurde diskutiert?
Kurz nach Ausbruch des Ersten Balkankrieges hatten albanische Delegierte unter der Führung von Ismail Qemali am 28. November 1912 in Vlora die Unabhängigkeit Albaniens ausgerufen, um das historische Siedlungsgebiet vor der Aufteilung durch die Nachbarstaaten zu bewahren. Doch diese Unabhängigkeit war international weder anerkannt, noch waren die Grenzen des neuen Staates definiert. Die albanischen Gebiete waren zu großen Teilen von serbischen, montenegrinischen und griechischen Truppen besetzt.
Bei den Beratungen der Großmächte prallten diametral entgegengesetzte Interessen aufeinander:
- Österreich-Ungarn und Italien setzten sich vehement für einen eigenständigen albanischen Staat ein. Wien wollte um jeden Preis verhindern, dass das mit Russland verbündete Serbien einen dauerhaften Zugang zur Adria erhielt. Italien wiederum sah in einem schwachen, neuen Nachbarstaat an der Adria ein künftiges Objekt für den eigenen Einflussbereich.
- Russland hingegen unterstützte die Ansprüche seiner Verbündeten Serbien und Montenegro, die weite Teile Nord- und Zentralalbaniens (darunter das Kosovo) für sich beanspruchten.
- Großbritannien, Deutschland und Frankreich agierten oft vermittelnd, stets mit dem Hauptziel im Blick, einen großen europäischen Flächenbrand zwischen den Blöcken zu verhindern.
Ein weiterer Hauptstreitpunkt war der genaue Verlauf der Grenzen. Während die albanische Nationalbewegung das gesamte albanische Vilayet (inklusive des Kosovo und Teilen Epirus‘) einforderten, drängten Serbien, Montenegro und Griechenland auf maximale territoriale Zugeständnisse.
Was wurde beschlossen?
Nach monatelangem diplomatischem Ringen und dem formalen Entschluss vom 29. Juli 1913 trafen die Großmächte weitreichende Entscheidungen, die das Schicksal der Region für das folgende Jahrhundert prägten:
- Anerkennung als Fürstentum: Albanien wurde offiziell als ein autonomer, souveräner und erblicher Fürstentum anerkannt, der vom Osmanischen Reich vollständig losgelöst und unabhängig war. Die Souveränität und Neutralität des neuen Staates sollten unter dem Schutz und der Garantie der sechs Großmächte stehen.
- Dramatische Gebietsverluste (Die Grenzziehung): Um den Expansionsgelüsten der Balkanallianz nachzugeben und den Frieden unter den Großmächten zu wahren, wurde Albanien ein Großteil seines ethnischen und historischen Territoriums entzogen. Große geschlossene Siedlungsgebiete – insbesondere das Kosovo und der Norden Metohijas – wurden an Serbien und Montenegro angeschlossen, während Teile im Süden an Griechenland fielen. Infolgedessen blieben fast 40 % der albanischen Gesamtbevölkerung außerhalb der Grenzen des neuen Staates zurück.
- Internationale Kontrolle: Da man den Albanern eine sofortige, eigenständige Regierungsfähigkeit nicht zutraute, wurde eine Internationale Kontrollkommission (IKK) eingesetzt. Diese Kommission aus Vertretern der Großmächte sollte für zehn Jahre die Zivilverwaltung, die Finanzen und den Aufbau des Landes überwachen.
- Sicherheit und Monarchie: Die innere Ordnung sollte durch eine neu aufzubauende Gendarmerie gesichert werden, die von ausländischen Offizieren (vor allem aus Schweden) geleitet wurde. Zudem verpflichteten sich die Mächte, innerhalb von sechs Monaten einen europäischen Fürsten für den Thron Albaniens zu bestimmen (dieser wurde später in Person von Prinz Wilhelm zu Wied gefunden).




